Brille, Tastatur und Buch mit Magento und Adobe Logo

Adobe kauft Magento

E-Commerce

Magento Logo in Orange ohne Schrift

Adobe kauft Magento – und nun?

Nun ist es soweit – am 22. Mai kündigte Adobe in einer Pressemeldung an, dass der kalifornische Softwareanbieter im dritten Quartal 2018 das E-Commerce System Magento erwerben wird. Für die nicht unbeträchtliche Summe von 1.68 Mrd. USD. Magento wird, so Adobe, in die Adobe Experience Cloud eingegliedert werden. Nutzer – und vor allem Nutzer des Open Source Systems Magento – fragen sich nun, wie es nach dem Kauf weitergeht. Aber zunächst zu den Zielen von Adobe.

Kein Blitz aus heiterem Software-Himmel

Eine wirkliche Überraschung ist der Deal nicht. Adobe hatte sich schon vorher um den Erwerb einer vergleichbaren E-Commerce-Lösung bemüht. Vor fünf Jahren wurde das Unternehmen von SAP bei der Übernahme von Hybris ausgebootet, 2016 kam Salesforce einem Kauf von Demandware zuvor. Schon damals stand fest, dass es Adobe darum ging, eine Commerce-Lösung in das eigene Angebot einzubinden und damit eine Lücke zu schließen, die Adobe von SAP und Salesforce bislang trennte. Überdies kann Adobe über Magento eine vollkommen neue Zielgruppe ansprechen: nämlich die kleinen und vor allem die mittelgroßen Händler, die mit Magento arbeiten. Dies ist ein Segment, das eben nicht zu den Kunden der Adobe Enterprise Lösung zählt.

Für Adobe heißt das umgekehrt, sich auf die Bedürfnisse dieser neuen Gruppe von Kunden einlassen zu müssen. Sicherlich eine Herausforderung für einen Anbieter, der bislang unter dem Label „Groß, gut und teuer“ lief.

Adobe: Ziele und Visionen hinter der Übernahme von Magento

Natürlich hätte der kalifornische Anbieter lieber Hybris oder Demandware erworben und muss nun mit einer E-Commerce Lösung vorliebnehmen, die nur die drittbeste Alternative ist. Dennoch wird Adobe von dem „Neuzugang“ profitieren. Als Anbieter von Softwaresuites muss Adobe vor allem neue Komponenten für sein Portfolio finden, entwickeln und ausbauen, diesen einen guten Platz im Markt verschaffen und dann durch intensives Marketing eine hochpreisige Version ebendieser neuen Komponente flächendeckend zu verbreiten. Eine Strategie, die auch bei bisherigen Angeboten von Adobe gut funktioniert hat.

Ein wandelbarer Anbieter geht neue Wege

Immerhin ist es Adobe gelungen, von einem Texterkennungs-Software-Anbieter zu einem etablierten Provider von Grafiklösungen zu etablieren, und hier von Softwaredownloads die Umstellung auf SaaS zu vollziehen, mitsamt den Backend-Technologien, die die Nutzung der angebotenen Grafikprogramme auch und vor allem für große Unternehmen mit unzähligen Instanzen zeit- und ressourcenfreundlich macht. So geschehen beim Adobe Experience Manager. Hier ist es Adobe gelungen, Inhalte in kleinen Einheiten sauber verpackt und getaggt vielseitig nutzbar bereitzustellen und damit das Content Management – und die Customer Journey – auf eine neue Stufe zu heben. Der AEM verspricht vollkommen neue Dimensionen der Personalisierung. Ein glatter, überzeugender Luxus, für den die IT in Großkonzernen gern etwas tiefer in die Tasche greift, auch wenn umfassende Schulung und Einarbeitung erforderlich sind.

Magento – ein führender OpenSource B2B und B2C Commerce Anbieter

Magento Commerce ist für Adobe insgesamt kein schlechter Griff. Das Unternehmen ist einer der führenden Anbieter von cloudbasierten E-Commerce Lösungen für Händler und Marken. Dabei wird Magento ebenso gern im B2C wie im B2B genutzt. Neben der Onlineshop-Plattform offeriert Magento seinen Nutzern ein ganzes Spektrum von Omni-Channel-Lösungen, mit denen sich physische und digitale Kundenerlebnisse und Kauferfahrungen integrieren lassen. Magento Commerce ist daher nicht ohne Grund die Nummer Eins, wo immer Shoplösungen im Test stehen.

Hinzu kommt ein weltumspannendes Netzwerk von Technologiepartnern und eine überaus aktive Community, die an der ständigen Entwicklung des Open Source Konzeptes weiter arbeitet.

Wie es weitergeht: Adobe und Magento in der Experience Cloud?

Die Kooperation von Magento und Adobe ist ebenfalls nicht neu, sondern besteht bereits seit zwei Jahren. Seit 2016 existiert ein Integrations-Framework, mit dessen Hilfe der AEM als Contentmanagement-Lösung und Adobe Analytics sowie Adobe Target mit Magento kombinierbar sind. Da ist es nur folgerichtig, dass einer der ersten Schritte nach der Übernahme von Magento eine noch tiefere Integration in den AEM sein wird.

Mehr Magento aus der Cloud

Hier hat Magento bereits erste Schritte in Richtung Cloud-Technologien vollzogen, denn mit der Magento Enterprise Cloud Edition aus der AWS-Cloud von Amazon gibt es bereits eine Cloud-Plattform – die Fortsetzung dieser Entwicklung ist nur logisch.

Absehbare technologische Herausforderungen bei der Integration von Magento

Allerdings dürfte es bei der Umsetzung der Integration von Magento in den AEM zunächst zu Reibungen kommen. Dies liegt schon an der fehlenden technischen Kompatibilität. Während die Magento-Plattform auf PHP basiert, arbeitet Adobe mit Java. Die Übernahme einer PHP-basierten Plattform in den Java-Stack wird fast zwangsläufig mit Hindernissen behaftet sein. Abnehmer, die beide Angebote nutzen, also Magento und beispielsweise AEM mit den angebundenen Analytics und Adobe Target, werden für beide Systeme entsprechend unterschiedliche Kompetenzen benötigen – fast unvermeidlich heißt das für Anwender auch mehr Zeit, Geld und Personal. Da Magento bislang vornehmlich als Open Source E-Commerce-Lösung verwendet wurde, wird dies vermutlich vor allem die Nutzer von Adobe treffen.

Mehr E-Commerce-Power für Adobe – mehr Wettbewerbsfähigkeit mit Salesforce und SAP?

Natürlich wird Adobe mit dem Kauf von Magento bestrebt sein, besonders SAP und Salesforce auf dem Markt zu überbieten. Damit dies gelingt, wird der Anbieter vor allem Magento in der Cloud-Version herausstellen und diese in die Adobe Experience Cloud so umfassend wie möglich integrieren. Magento wiederum dürfte zumindest im Enterprise-Segment ebenfalls von der Übernahme profitieren. Man darf erwarten, dass Adobe hier einen Schwerpunkt setzen wird, um eine profitable Alternative zu Hybris und Demandware anzubieten und im E-Commerce Bereich erfolgreich gegen SAP und Salesforce zu bestehen.

Adobe Logo und Magento Logo duch Pluszeichen verbunden

Was bedeutet die Übernahme von Magento für die OpenSource Ausrichtung?

Noch ist nicht abzusehen, wie sich die Open Source Ausrichtung bei Magento nach der Übernahme entwickeln wird. Zwar ist Adobe prinzipiell dem Open Source-Gedanken nicht abgeneigt und betreibt eigene umfangreiche Repositories, aber das Kerngeschäft des kalifornischen Anbieters sind kommerzielle Lösungen. Trotzdem kann man annehmen, dass Adobe beispielsweise den Input der überaus großen und aktiven Magento Community weiterhin wird nutzen wollen. Das ist aber nur möglich, wenn Magento auch in Zukunft Open Source bleibt. Da auf der Magento Imagine 2018 in Las Vegas noch Konzepte präsentiert wurden, die ausdrücklich darauf abzielen, die Magento Community zu fördern und zu stärken, kann man davon ausgehen, dass dieser Kurs auch beibehalten wird.

Also wird die tiefere Einbindung in die Adobe Cloud-Lösungen wohl bei Magento Enterprise erfolgen, während sich bei Magento Community Edition zunächst nicht viel ändern wird. Mittelfristig wird Adobe hier vermutlich vermehrt Einstiegsangebote für die umfangreiche Kundengruppe der kleinen und mittelgroßen Händler anbieten, um Adobe Lösungen für diese Nutzer zu pushen und von diesem neuen Zielsegment langfristig zu profitieren.

Einzelheiten zur geplanten Kooperation von Magento mit seinen Partnern sind derzeit noch nicht verfügbar, Adobe plant nach Abschluss der Übernahme im dritten Quartal dieses Jahres die Ansprache der Magento Partner, man darf gespannt sein, ob im September mehr Informationen vorliegen.

Was die Magento-Übernahme für Unternehmen bedeutet

Konzerne, die derzeit mit Adobe arbeiten, aber eine andere E-Commerce-Lösung verwenden, können davon ausgehen, dass Adobe sich bemühen wird, die Daumenschrauben anzuziehen. Experten rechnen damit, dass Magento gepusht werden wird, um Konkurrenten, vor allem Hybris oder Demandware, beiseite zu schieben. Ob Magento auch für wirklich große Unternehmen anwendbar ist, ist dabei mindestens zum gegenwärtigen Zeitpunkt zweifelhaft.

Große Anbieter wie SAP, Oracle und IBM werden außerdem nicht kampflos das Feld räumen. Die Lösungen, die von den großen Konkurrenten zu erwarten sind, wären beispielsweise, dass Kunden Funktionalitäten der Experience, besonders das CMS, die Datenverwaltung und Personalisierung, aus der eigenen E-Commerce-Plattform entkoppeln. Dies dürfte das Kundenerlebnis sehr stark in Mitleidenschaft ziehen. Andernfalls wäre denkbar, dass die anderen Großen sich auf ein Kräftemessen einlassen, wobei jeweils zwei Softwareanbieter miteinander auskommen müssen, die sich in der Praxis durchaus nicht gewogen sind. Was das für die Nutzerfreundlichkeit, den Support und ähnliches bedeutet, kann man sich denken.

Derzeit lassen leider viele große Software-Unternehmen außer Acht, dass die Anwender sich vielleicht eine anpassbarere Lösung wünschen.

Perspektiven: wie die Softwarelösungen der Zukunft aussehen sollten

Während bei den Software-Riesen die Entwicklung zu umfassenden Suites geht, die möglichst allen Anforderungen gerecht werden, ist die Situation in der Praxis eine ganz andere. Unternehmen arbeiten in drei verschiedenen Bereichen, nämlich der Akquise, der digitalen Experience und dem E-Commerce. Ideal wäre aus der Sicht des Nutzers die Verfügbarkeit von drei verschiedenen Plattformen, die einerseits unabhängig und anderseits perfekt kombinierbar wären. Da sich die Ansprüche der Kunden immer schneller entwickeln, müssen Unternehmen vor allen Dingen auf skalierbare Plattformen zurückgreifen können, die die Integration aller gewünschten Tools zulassen.

Eine nahtlose Customer Experience lässt sich aber nur mithilfe von offenen API-basierten Plattformen erstellen, denn diese ermöglichen die Einbindung herkömmlicher und neuer Technologien und erlauben die Integration mit verschiedenen Datensätzen. Die allumfassenden Suites, auf die Adobe setzt, laufen Gefahr, irgendwann zur High-Tech Sackgasse zu mutieren, weil sie eben nicht der immer individuelleren Kundenerfahrung gerecht werden, die unterschiedlichste Elemente in der Customer Journey kombiniert.

Fazit: Übernahme mit Potenzial

Wie man sieht, ist der Open Source Gedanke auch nach dem Kauf von Magento durch Adobe nicht in Gefahr, weil sich Adobe das riesige Asset der Magento Community wohl zunutze machen will. Das entwicklerische Potenzial ist ebenso hoch wie der Einstieg in das neue Marktsegment der mittelgroßen Händler.

Außerdem benötigt Adobe unbedingt eine überzeugende E-Commerce Lösung, um die Lücke zu SAP und Salesforce zu schließen und gegen die beiden Hauptkonkurrenten erfolgreich zu bestehen.

Damit die Übernahme gelingt und Magento die Erwartungen erfüllt, die Adobe an den Kauf knüpft, werden sich zwangsläufig mehr und schnellere Neuerungen vor allem für Magento Enterprise ergeben. Adobe wird also Wert auf den Erhalt und die Entwicklung des E-Commerce-Segments legen und hier vielleicht aus dem Pool der Magento Community schöpfen. Eine Zukunftsvorstellung, die für beide Beteiligten durchaus Vorteile hat.